Beiträge-2020

Kala – Angst vor der Endlichkeit

Der Sanskrit-Begriff „Kala“ bedeutet auf deutsch „Zeit“. Nach vedischem Verständnis wird Kala vom (weiblichen) Halbgott „Kali“ beherrscht, den zumeist in Indien viele Menschen anbeten. Dort werden bekanntlich viele Halbgötter angebetet, so insbesondere auch „Shiva“ und „Vishnu“, aber eben nicht nur diese. Was aber hat es nun mit „Kala“ und „Kali“ auf sich ?

Stellt man Jemandem hier im Westen die Frage, was er unter dem Begriff „Zeit“ versteht, so erntet man darüber zunächst Unverständnis und bekommt dann die Antwort „das weißt Du doch, das sind Stunden, Minuten, Sekunden usw. …“. Ist das tatsächlich so, ist das eine klare Antwort ? Nein – denn dieser Jemand hat uns lediglich das Maß für die Zeit genannt, nicht aber das Wesen der Zeit selbst. Man kann es sicherlich dabei belassen, wenn es da nicht hin und wieder Situationen gibt, wo für uns die Zeit eine außerordentliche Rolle spielt – und gemeint ist damit nicht die „Pünktlichkeit“, sondern wenn uns mal wieder die sogenannte „Endlichkeit“ des Lebens bewusster wird. Wie sieht man eigentlich dieses Thema im AYURVEDA ?

Ich hatte bereits schon öfter darauf hingewiesen, dass AYURVEDA eine Teilwissenschaft der VEDEN ist. Ein AYURVEDA-Arzt sollte diese zunächst studiert haben, bevor er sich in sein medizinisches Spezialgebiet hineinkniet. Mir ist nicht bekannt, dass ein westlicher Medizinstudent zunächst Philosophie studiert haben muss, um Arzt werden zu dürfen, wohingegen das in Indien traditionell eine Voraussetzung für ein AYURVEDA-Studium ist. Deshalb werde auch ich mich nun auf die VEDEN beziehen, in denen „Kala“ sehr ausführlich beschrieben wird, beispielsweise im 3. Canto des „Srimad Bhagavatam“ (11. Kapitel):

Und hier gibt es gleich eine ganz erstaunliche Aussage, nämlich dass die Bemessung der Zeit vom Verhalten der Atome abgeleitet wird. Man findet also in diesen uralten Überlieferungen nicht nur eine Verknüpfung mit der „modernen“ Quantenphysik, die damit so „modern“ gar nicht mehr erscheint, sondern auch mit der Materie selber – und genau darauf komme ich später noch einmal zurück …

Greifen wir zunächst auf ein paar vedische Aussagen über die Zeitmessung zurück: Wenn zwei Atome miteinander eine Verbindung eingehen, werden sie als Doppelatom bezeichnet, und wenn drei Doppelatome (= 6 Atome) miteinander eine Verbindung eingehen, nennt man sie Hexatom bzw. im Sanskrit „Trasarenu“. Diese kann man im gebrochenen Sonnenlicht (Gegenlicht) sogar mit bloßem Auge sehen. Ich erinnere mich, dass mein ehemaliger PRANA-Lehrer solche Erscheinungen einmal als Prana-Teilchen bezeichnete – mag sein, dass es sich tatsächlich um das Gleiche handelt, aber dem will ich an dieser Stelle nicht weiter nachgehen …

Wenn nun drei Hexatome („Trasarenu’s“ = 18 Atome) miteinander eine Verbindung eingehen, brauchen sie dafür eine bestimmte Zeit, und diese wird „Truti“ genannt. Diese Zeit entspricht 1/1.687,5 Sekunde bzw. 1.687,5 Truti-Zeiteinheiten entsprechen einer ganzen Sekunde. In diesem Sinne geht es mit den größeren Zeiteinteilungen weiter, die sich letztlich immer wieder auf das Verhalten von Atomen zurückführen lassen. Da ich mich bereits vor einigen Jahren schon einmal mit diesem Thema ausführlich befasst hatte, verweise ich an dieser Stelle auf den entsprechenden Beitrag. Doch was hat das Alles mit der „Angst vor der Endlichkeit“ zu tun ?

Wenngleich nicht sofort auffällig, so ist es bei näherer Betrachtung doch offensichtlich, dass die Bemessung der Zeit immer an das Verhalten kleinster materieller Partikel gebunden ist. Mit anderen Worten stehen Zeit und Materie immer miteinander in Verbindung. Im Umkehrschluss kann man dann behaupten, dass es ohne Materie auch keine Zeit geben dürfte bzw. dass sie zumindest überhaupt keine Bedeutung hat. Um’s jetzt noch deutlicher zu sagen: Die Zeit (ob nun unendlich oder endlich) spielt für uns nur dann eine Rolle, wenn wir sie auf materielle Dinge und Prozesse beziehen, die uns umgeben – und das betrifft letztlich auch unsere eigene (materielle) Körperlicheit …

Betrachten wir mal ein Beispiel, das uns nicht so nahe geht, wie die scheinbare Endlichkeit des Lebens, nämlich ein Kleidungsstück: Irgendwann hatten wir es uns einmal zugelegt, lange und gerne getragen und dann ausgesondert, weil es verschlissen oder nicht mehr zeitgemäß war oder uns nicht mehr passte. Die (endliche) Nutzungs- bzw. Tragezeit kennen wir etwa noch, aber sie war nur so lange von Bedeutung, so lange wir sie auf das (materielle) Kleidungsstück bezogen – uns selber, die wir immer noch da sind, betraf die damit verbundene Endlichkeit überhaupt nicht …

Ein weiteres Beispiel: Wenn wir uns Fotoalben anschauen, können wir an den Bildern, die uns selber betreffen, recht gut nachvollziehen, wie sich im Laufe der Zeit unsere Körper verändert haben – deren ständiger Wandel ist ganz offensichtlich. Trauern wir den „alten Zeiten“ nach, wollen wir wirklich noch mal so jung und zugleich unerfahren sein, wollen wir uns weiterhin mühevoll durch’s Leben schlagen müssen ? Sicherlich gab’s auch glückliche Zeiten, aber eben nicht immer – im Laufe der Zeit war die Auseinandersetzung mit unseren materiell bedingten Lebensbedingungen oftmals auch recht mühsam. Unsere Körper haben sich dabei verändert, zuweilen auch darunter gelitten, aber uns selber, die wir auf die Fotos nur von Innen nach Außen mit unseren Augen blicken, gibt’s bei all den Veränderungen immer noch – wo ist da die Endlichkeit geblieben … ?

Die Endlichkeit als ein Attribut der Zeit, die immer nur an Materie gebunden ist, hat nicht wirklich eine Bedeutung, denn wir selber als (spirituelle) Seelen sind nicht materiell, so wie das Kleidungsstück, das wir einmal getragen haben, oder die jüngeren Körper, in denen wir bisher durch’s Leben gingen. Die Endlichkeit bezieht sich immer nur auf das, was uns materiell umgibt, einschließlich unserer Verkörperungen, die sich ohnehin ständig wandeln. Das haben wir unbewusst immer unbeschadet überstanden und jetzt werden wir einmal darauf gestoßen, den Begriff der Endlichkeit als eine von der Materie mitgebrachte Illusion zu erkennen …

Der (weibliche) Halbgott „Kali“ wirkt schon durch seine Erscheinung beängstigend, aber er verwaltet im Auftrag des Höchsten (Gott bzw. „Krishna“) die Materie, so lange sie als Schöpfung existiert. Die Zeit ist der Faktor, der die Materie (Schöpfung) ständig im Wandel hält – sonst wäre die Welt starr oder unmanifestiert. Man kann die Zeit auch wie eine Peitsche betrachten, mit der der Brummkreisel immer wieder angetrieben wird, den wir aus unseren Kindheitsspielen kennen. Der Schöpfer spielt mit der aus ihm selber hervorgegangenen Materie – man nennt dieses Spiel auch „Lila“, und es gibt nichts, wovor wir in diesem Spiel eigentlich Angst haben müssten – die Materie wandelt sich, ist damit immer (zeitlich) endlich, aber wir (spirituellen Seelen) selber haben damit nichts zu tun … es sei denn, wir lassen uns immer mal wieder in die Illusion der Zeit hineinziehen …