Selbsterkenntnis – Wer bin ich, wo stehe ich … ?

In der vedischen Tradition hielten Weise es manchmal für sinnvoll, den Entwicklungsstand ihres eigenen Bewusstseins oder gerade ablaufender innerer Zustände einer etwas außergewöhnlichen Überprüfung zu unterziehen: Nach dem Prinzip „Wie Innen, so Außen – wie Oben, so Unten“ spielten sie das Brett-Spiel „Lila“. Es gibt für die Selbsterkenntnis aber auch noch andere Möglichkeiten, und dazu muss man sich einmal seine eigene äußere Erscheinung etwas genauer anschauen. Zur äußeren Erscheinung zählt nicht nur das körperliche Aussehen, sondern auch das Auftreten und Handeln, d.h. die Erscheinung zeigt sich sowohl auf körperlicher als auch auf geistiger Ebene …

Die 8 grob- und feinstofflichen Elemente („Tattvas“)

Jedes verkörperte Lebewesen zeichnet sich durch zwei Hauptaspekte aus, die sich in ihrer Kombination in den verschiedensten Charakteren widerspiegeln, wobei auch noch die sich ständig ändernde Zeit („Kala“) eine ganz besondere Rolle spielt: Es sind der (grobstoffliche) physisch-physiologische und der (feinstoffliche) psychisch-geistige Hauptaspekt. In den vedischen Überlieferungen (z.B. im „Srimad Bhagavatam“) und in den Upa-Veden (hier im „Ayurveda“) werden unsere grobstofflichen körperlichen Bestandteile über die 5-Elemente-Lehre beschrieben, d.h. über die Elemente „Erde“, „Wasser“, „Feuer“, „Luft“ und „Äther“ bzw. „Raum“. Unsere feinstofflichen körperlichen Bestandteile sind unser „Geist“, unsere „Intelligenz“ und unser „Ego“ – letzteres gilt als das „falsche Selbst“ bzw. als das „falsche Ich“. Diese 8 Elemente bestehen so lange, so lange ein Lebewesen in irgendeiner Form an einem beliebigen (irdischen oder kosmischen) Ort überhaupt verkörpert ist …

Die Seele selber ist das eigentliche Lebewesen, auch als das „wahre Selbst“ bzw. das „wahre Ich“ bezeichnet – im völligen Gegensatz zu den eben genannten 8 Elementen ist sie rein spirituell, ungeboren und unsterblich. Und sofern die spirituelle Seele innerhalb eines materielle Körpers residiert, so lange ist sie auch den Bedingungen ausgesetzt, die Materie an sich grundsätzlich mit sich bringt. Ein verkörpertes Lebewesen (Seele) wird daher auch als „bedingtes Lebewesen“ bzw. „bedingte Seele“ bezeichnet …

Materie selber ist immer von dualem Charakter, sich ständig in seiner Form und seinen Zuständen ändernd und daher auch sterblich. Als „Tod“ ist in diesem Sinne immer die Aufgabe oder der Verlust eines vorangegangenen Zustandes, und als „Geburt“ die Annahme bzw. der Eintritt in einen neuen Zustand zu verstehen. Da Materie im physikalischen Verständnis eigentlich Energie ist, können wir sie auch als Energie in sich ständig verändernden Zuständen und Formen ansehen. Somit wird auch verständlich, dass eine Seele, die sich an Materie bindet, immer den Wechselhaftigkeiten der Materie unterworfen ist – soweit dieses wechselhafte „Spiel“ der gesamten Schöpfung (auch „Lila“ genannt) nicht durchschaut wird …

Die meisten Menschen allerdings haben dieses Spiel nicht durchschaut, weil sie sich immer wieder von den verschiedensten Zuständen und Formen der sie umgebenden Materie einschließlich ihres eigenen Körpers beeindrucken lassen. Die in der Verkörperung residierende Seele muss miterleben, wie die 8 grob- und feinstofflichen Elemente der eigenen Verkörperung ständig mit der Umwelt interagieren – unter anderem auch in der Beziehung zu anderen verkörperten Lebewesen (z.B. Menschen, Tiere und Pflanzen). Man muss schon ein sehr guter und stiller Beobachter sein, diese Interaktionen („Spiele“) erkennen zu können und sie als solche einfach auch nur zu belassen, denn die Seele (das eigentliche Lebewesen) hat damit ja gar nichts zu tun – sie residiert lediglich in einem materiellen Körper und sammelt alle Beobachtungen bzw. Erfahrungen, die sie dabei macht. An dieser Stelle muss ich einfügen, dass Beobachtungen und Erfahrungen in Form immaterieller Informationen (Fakten, Daten usw.) registriert werden – und das ist ein rein spiritueller Vorgang …

Die 3 Grundkonstitutionen („Doshas“)

Über unendlich viele Beobachtungen ließen sich die Interaktionen zwischen den 8 Elementen recht gut systematisieren, und so entstanden die Konstrukte von den 3 grobstofflichen energetischen Prinzipien („Doshas“)  und den 3 feinstofflichen Bewusstseinsständen („Gunas“): Sofern die grobstofflichen Elemente „Raum/Äther“ und „Luft“ miteinander agieren, werden Bewegungs-Prinzipien sichtbar, auch „Vata“-Dosha genannt. Sofern das „Feuer“-Element irgendwo wirksam ist, so werden Umwandlungs-Prinzipien sichtbar, auch „Pitta“-Dosha genannt. Und letztlich zeigen die Elemente „Wasser“ und „Erde“ gemeinsam das Strukturbildungs-Prinzip, auch „Kapha“-Dosha genannt:

  • Vata = Luft bewegt sich im Raum und transportiert irgend Etwas
  • Pitta = alles was mit Feuer in Berührung kommt, wird gründlich umgewandelt
  • Kapha = aus Erde und Wasser kann man Mauern, Häuser und Burgen bauen

Und noch einmal zum besseren Verständnis: 

  • Das Vata-Prinzip findet sich in allen äußeren und inneren Bewegungs- und Transport-Prozessen (z.B. Laufen, Hände bewegen, Sinneswahrnehmungen, Essen, Ausscheiden …)
  • Das Pitta-Prinzip findet sich in allen schöpferischen und Umwandlungsprozessen (z.B. Erfinden, Verdauen, Denken, Kochen, Schmieden …)
  • Das Kapha-Prinzip spiegelt Prozesse wider, bei denen Strukturen entstehen und erhalten werden (z.B. Gewebebildung und -ansammlung, Merken, Aufbauen, Sammeln …)

Alle Lebewesen, so auch wir Menschen, verfügen immer (!) über eine Mischkonstitution, sonst könnten unsere Körperfunktionen überhaupt nicht bestehen. Aber diese Konstitutionen sind überwiegend ungleich verteilt. So gibt es also Menschen mit einer

  • überwiegenden Vata-Konstitution
  • überwiegenden Pitta-Konstitution
  • überwiegenden Kapha-Konstitution
  • überwiegenden Vata-Pitta-Konstitution
  • überwiegenden Pitta-Kapha-Konstitution
  • überwiegenden Kapha-Vata-Konstitution
  • gleichmäßigen Vata-Pitta-Kapha-Konstitution

Wie sich solche Konstitution z.B. äußerlich zeigen:

  • Menschen mit einer ausgeprägten Vata-Verkörperung sind zumeist sehr schlank, sehr beweglich und wechselhaft, feinsinnig und sensibel, zuweilen aber auch vergesslich und unzuverlässig
  • Menschen mit einer ausgeprägten Pitta-Verkörperung sind zumeist athletisch-sportlich, sehr zielgerichtet, zielstrebig  und durchsetzungsfähig, schlechtenfalls jedoch rücksichtslos oder auch gewalttätig
  • Menschen mit einer ausgeprägten Kapha-Verkörperung sind zumeist sehr kräftig bzw. sogar füllig, ruhig und gelassen, materiell orientiert, manchmal aber auch träge und sogar verwahrlost

Eine kleine Zusammenfassung über das Wesen der Materie an sich, der aus ihr hervorgehenden grob- und feinstofflichen 8 Elemente und der 3 Grundkonstitutionen (Doshas) finden sie noch einmal hier:

Um jetzt einmal „Nägel mit Köpfen“ zu machen, kann man über einen Selbsttest feststellen, zu welcher Konstitution man eigentlich gehört, wenn man weitestgehend gesund ist. Dazu dienen folgende Fragebögen, bei denen sogar mehrere „zutreffend-Kreuze“ in der gleichen Zeile möglich sind. Nach dem Ausfüllen spaltenweise die Kreuze zusammenzählen und gegeneinander die Gewichtung z.K. nehmen:

Die 3 Bewusstseinsstufen („Gunas“)

Während dessen die grobstoffliche körperliche Konstitution, die sich im jeweiligen „Tridosha“ widerspiegelt, von der Geburt bis zum Tod nahezu kaum verändert (Pitta nimmt etwas ab und Vata sowie Kapha nehmen etwas zu), so kann sich das individuelle Bewusstsein, das sich mit dem Ego, der Intelligenz und dem Geist im Außen zeigt, sehr wohl ganz wesentlich ändern. Dabei durchläuft man grundsätzlich 3 Entwicklungsetappen („Guna’s“) von der Unbewusstheit und Ignoranz („Tamas“-Guna) über die Leidenschaft („Rajas“-Guna) bis zur Bewusstheit und Tugend („Sattva“-Guna) – und zwar jedes (!) Lebensthema betreffend und damit also auch für jeden Menschen immer wieder mit den unterschiedlichsten Erfahrungen. Man muss dazu wissen, dass das jeweilige Ego (das falsche Selbstbildnis) die körpereigene Intelligenz prägt und diese dann den feinstofflichen Geist steuert und kontrolliert …

Hier eine differenziertere Aufstellung der Charaktereigenschaften, die in den jeweiligen geistig-spirituellen Entwicklungsstufen vorzufinden sind (mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen):

Die 3 Gunas in Wechselwirkung mit den 3 Doshas 

Es gibt hier ein recht interessantes Wechselspiel unter dem Einfluss der materiellen Natur, in der sich die verkörperte und damit bedingte Seele zeitweilig aufhält: So, wie das Ego (das „falsche Selbst“ bzw. das „falsche Ich“) um sich herum die Welt (einschließlich der eigenen materiellen Verkörperung) wahrzunehmen gedenkt, so wird die Intelligenz dazu benutzt, die (geistigen) Sinne gerade auf die ausgewählten Objekte auszurichten. Und so, wie die Sinne die materiellen Zustände und Formen um sich herum in ihrer fokussierten Prägung wahrnehmen, so werden die Intelligenz genährt und das Ego bestätigt. Man nennt das auch „selbstbestätigte Prophezeihung“. Das Hinterfragen, ob die bisherigen eigenen Vorstellungen auch der Wirklichkeit entsprechen, bleibt so lange aus, bis es Erlebnisse oder Erfahrungen gibt, die alles bisher Dagewesene auf den Kopf stellen …

Eine solche Situation kann zur Verhärtung der bisherigen eingeschränkten Weltsicht oder aber auch zu deren Zerrüttung führen, und das wiederum hat im Denken und Handeln seine sichtbaren Folgen. Die Art und Weise, wie ein Mensch seine Umwelt und sich selber wahrnimmt, interpretiert und wie er dann handelt, spiegeln seine wirkliche geistige Reife wider. Und dabei ist nicht ganz unwesentlich, welche physisch-physiologischen Voraussetzungen (Konstitutionen) der handelnde Mensch mitbringt, denn ein Vata-Mensch reagiert in einer bestimmten Situation völlig anders als ein Pitta- oder Kapha-Mensch, weil ihm für sein ganz eigenes Leben auch (nur) ganz besondere grobstoffliche materielle Energien z.V. stehen …

Die philosophische Frage, ob nun das Huhn oder das Ei zuerst da waren, bedarf an dieser Stelle einer endgültigen Klärung, denn sie betrifft auch die Frage, ob das Sein das Bewusstsein hervorbringt oder umgekehrt. Während dessen die materialistische Philosophie davon ausgeht, dass die Materie zuerst da war, bevor sie irgendwann einmal von selbst belebt wurde, so sehen das die Religionen und auch die Veden (einschließlich AYURVEDA) genau anders herum: Das Bewusstsein war zuerst da und nimmt aktiv Einfluss auf das Sein und damit auf die Materie. Darauf möchte ich jetzt allerdings nicht näher eingehen, denn dann müssten wir einen größeren Abstecher in die Entstehung der Welt bzw. des Universums aus vedischer Sicht machen – mit ein wenig tiefgründiger logischer Überlegung ist der Wahrheitsgehalt dieser Aussage jedoch zu erkennen …

Gehen wir einmal davon aus, dass ein höchstes Bewusstsein (bei uns „Gott“ genannt) die Welt bzw. das Universum erdacht und erschaffen hat, und wir Menschen im Ebenbild dieses Schöpfers ebenfalls mit erschaffen wurden, so kann man daraus denn Schluss ziehen, dass jede Schöpfung zunächst mal ein geistig-spiritueller Prozess ist, bevor die Schöpfung dann in ihren Zuständen und Formen (Erscheinungen) mit unseren menschlichen Sinnen wahrnehmbar (z.B. sichtbar) wird. Alles in allem kann man also sagen, dass zunächst immer der Geist die Materie beherrscht. Gegenläufig ist nicht zu bestreiten, dass wir über unsere Sinne auch Materie wahrnehmen, die wir selber nicht erschaffen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass hinter diesen Erscheinungen nicht andere Schöpfer stehen als wir selber – ganz im Gegenteil …  

Wenn wir demnach um uns herum ein gewisses Sein wahrnehmen, dann hat das mit Sicherheit auch Einfluss auf unser Denken und Fühlen und wirkt auch Bewusstseins-bildend. Das menschliche Dilemma besteht darin, zwischen den äußeren materiellen Erscheinungen und den inneren geistig-spirituellen Prozessen erkennen zu können, welche wirkliche Bedeutung sie für unser Leben haben: Haben wir als geistig-spirituelle Wesen die Macht, die Materie um uns zu beeinflussen oder beeinflusst eher die Materie um uns herum uns selber … ? Je höher unser eigener Bewusstseinsstand (Guna), desto besser haben wir den täuschenden Einfluss der Materie auf die wirklichen Geschicke unseres Lebens erkannt und verhalten uns auch entsprechend, und zwar mit all uns zur Verfügung stehenden individuellen Veranlagungen (Doshas), Fähigkeiten und Fertigkeiten …

Im Folgenden abschließend eine kleine Übersicht, wie wir Menschen uns je nach körperlicher Veranlagung (Konstitution bzw. „Doshas“) und jeweiliger Welterkenntnis (Bewusstseinsstand bzw. „Gunas“) in bestimmten Lebenssituationen im Allgemeinen verhalten. Wie oben bereits erwähnt, kann das sehr unterschiedlich sein, aber über das nach Außen getragene Verhalten und die sichtbare körperliche Konstitution ist schon recht gut erkennbar, wo wir mit unserer geistig-spirituellen Entwicklung gerade stehen. Als beispielgebende „Lebenssituation“ habe ich einmal die Sexualität ausgewählt, die auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen einschließlich Familiengründungen usw. einen herausragenden Einfluss hat:

Aus dieser Darstellung ist auch ersichtlich, dass jedes äußerliche „Problem“ primär geistig zu bearbeiten ist – alles eben eine Frage des Bewusstseins. Es nützt nahezu überhaupt nichts, den Spiegel zu zerschlagen, der Einem durch das Leben, wie z.B. von anderen Menschen oder durch bestimmte Lebenssituationen, vorgehalten wird, aber es bringt viel, sich immer wieder einmal in seinem eigenen Verhalten zu hinterfragen und nach den geistigen Ursachen, die zu unerwünschten materiellen Verstrickungen geführt haben, zu suchen. Man kann in diese Verstrickungen leicht herabfallen und sein Leben immer wieder leidvoll in den verschiedensten Nuancen erfahren, oder man richtet seine Aufmerksamkeit primär auf seine eigene geistig-spirituelle Entwicklung und erlebt zunehmend eine wirkliche Befreiung aus einem leidvollen Leben …

In diesem Sinne – atma namasté

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