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Ayurveda und Selbstverwirklichung (17.01.2015)

In der ayurvedischen Medizin wird „Krankheit“ als „anormaler Zustand“ betrachtet und ist charakterisiert durch „Ruja“ (Kontakt des Lebewesens mit Schmerz), „Roga“ (Fehler, Defekt), „Dosha Vaishamya“ (Dosha-Ungleichgewicht), „Dosha Dushaya Samurchana“ (Zusammenwirken gestörter Doshas mit Dhatu), „Vyadhi“ (Leid), Anormalität, Toxizität, „Atanka“ (Klägliches Leben), „Vikara“ (Schmerz) und „Dukha“ (Unglück, Leid) …

Diese Definition finden wir unter anderem im „Das neue Ayurveda Praxis Handbuch“ von Hans Heinrich Rhyner. An anderer Stelle wiederum werden die Merkmale für eine bestehende Gesundheit aufgeführt, die nämlich dann besteht, wenn

– sich unsere Doshas (Vata, Pitta, Kapha) in einem ausgeglichenen Zustand befinden
– unsere Stoffwechselfunktionen (Agni) optimal funktionieren
– unsere Körpergewebe (Dathus) stabil und gut entwickelt sind
– unsere Abfallprodukte (Mala) zuverlässig ausgeschieden werden
– unsere Sinne uneingeschränkt funktionieren
– sich unsere Person (inkarnierte Seele) allgemein glücklich fühlt
– die eigene Seele (Höheres Selbst) wahrgenommen wird

Ayurveda ist eine ganzheitliche Gesundheits- und Heilkunde, die immer die Trinität von Körper, Geist und Seele im Auge behält: Während dessen der Körper und der ihn durchströmende Geist materieller und damit stets veränderlicher und vergänglicher Natur sind, ist die Seele von rein spiritueller bzw. transzendentaler Natur, unveränderlich und auch unvergänglich. Darüber hinaus ist die Seele, die auch das „Selbst“ genannt wird, die einzige Komponente der o.g. Trinität, die auf die anderen beiden Komponenten einwirken kann, wozu Materie in all ihren fein- und grobstofflichen Zuständen und Formen rückwirkend nicht in der Lage ist. Berücksichtigt man diese natürlichen Gegebenheiten, so muss man sich zu seiner eigenen Gesunderhaltung primär seiner Seele bzw. seinem Selbst widmen, bevor man sich sekundär mit seiner Verkörperung und den sie durchströmenden Energien befasst …

Die individuellen Seelen aller Lebewesen sind spirituelle Bestandteile der marginalen Energien der Urquelle von allem was ist, auch „Gott“, „Höchstes Selbst“, „Überseele“ oder in den Veden sowie im Hinduismus „Krishna“ genannt, wobei unter dem Begriff „marginal“ die Eigenschaft „abgesondert“ zu verstehen ist. Zu den göttlichen Absonderungen gehören dann noch die materiellen Energien. Die spirituellen Bestandteile kann man sich wie von selbst leuchtende immaterielle Kristalle vorstellen, die aus einer Unmenge von Informationseinheiten bestehen. Die (dunklen) materiellen Bestandteile hingegen werden von der „modernen“ Wissenschaft als subatomare Teilchen bezeichnet …

Es steht nun die Frage, wieso die göttliche Quelle (Höchstes Selbst, Überseele) diese beiden Energieformen gleichsam wie eine Wunderkerze ausstrahlt ? Das kann man sie einmal selber fragen (z.B. in einer Meditation) oder über das Studium vedischer Überlieferungen herausfinden (z.B. im „Srimad Bhagavatam“). Tatsächlich strahlt aber auch jeder Mensch, jedes Tier und jede Pflanze derartige Energien ab und erweitert sich dabei eine gewisse Zeit, bis es wieder abstirbt. Wenn wir die göttliche Quelle in all ihren Handlungen nicht verstehen, so können wir doch auch in uns selber, die wir „in Gottes Ebenbild“ erschaffen sein sollen, schauen und herausfinden, warum was hier so abläuft. Wir stellen alsbald fest, dass uns eine fast unaufhaltsame innere Kraft bzw. Energie drängt, uns neugierig in unsere Umwelt hinein auszuweiten und einmal zu erfahren, was sich dort so alles vorfinden und auch (schöpferisch) gestalten lässt …

Dieser innere Wunsch auf Selbsterfahrung führt letztlich zu seiner (Selbst-) Verwirklichung. Das Drängen aller Individuen auf Selbstverwirklichung entspricht dem Drängen der Urquelle (Gott, Krishna) auf seine Selbstverwirklichung, allerdings in einem weitaus größeren Maßstab. Alle von der göttlichen Urquelle abgesonderten, oder besser gesagt ausgesandten Seelenfunken haben die Aufgabe, über die individuelle Selbstverwirklichung zur großen Selbstverwirklichung beizutragen. Diese Grunderkenntnis und das sich Hingeben in diese Aufgabe ist Gegenstand aller spirituellen Lehren bzw. Religionen – um mehr, aber auch weniger geht es hierbei also nicht !

Dem (von der Urquelle transzendental gesteuerten) individuellen inneren Drang auf Selbstverwirklichung nachzugeben, ist dann schon ein weitaus anspruchsvollerer Weg, und wie dieser Weg beschritten wird, hängt von der o.a. Erkenntnis sowie zahlreichen Umständen ab, die diesen Weg begünstigen oder behindern. Die uralten Überlieferungen aller Kulturen betrachteten die individuelle Hingabe und Mitwirkung an der allgemeinen Selbstverwirklichung der Urquelle als höchste Lebensaufgabe, auf die man mit zahlreichen helfenden Maßnahmen vorbereitet werden kann, so u.a. mit spirituellen Schulungen und diversen Ritualen. Die Veden, die dem Ayurveda zugrunde liegen, schufen beispielsweise das Kastensystem, in dem sich jeder Mensch nach seinem spirituellen Erkenntnisstand wiederfinden konnte und unterstützt wurde, darin voranzuschreiten – das heutige Kastensystem in Indien, das unter dem britischen Kolonialismus deformiert wurde, spiegelt diesen Sinn kaum mehr wider und kann dieser Aufgabe nur noch wenig gerecht werden.

Und in unserer heutigen westlichen Gesellschaft, die überwiegend materialistisch ausgerichtet ist, findet die individuelle spirituelle Entwicklung und Selbstverwirklichung im o.a. Sinne kaum eine Beachtung. Die im 16./17. Jahrhundert einsetzende „Aufklärung“ und „Säkularisierung“ haben dazu beigetragen, den Menschen den Glauben an das materielle Heil nahezubringen, und dabei unterschlagen, dass die Orientierung bzw. das Festhalten an die Materie niemals von Erfolg gekrönt sein kann, weil sich diese schon von Natur aus ständig verändert. Irgendwann stellt sich für jeden Materialisten die Frage, ob der Sinn des Lebens wirklich im mühsamen Anhäufen und Erhalten von Materie bestehen kann, d.h. im ständigen Kampf ums Überleben sowie gegen Krankheit, Verfall und Tod … ?

Aber auch diese Fragestellung kommt wiederum von Innen, d.h. vom eigenen Selbst (Seele), das mit dem Höchsten Selbst (Überseele) in ständiger Verbindung steht. Will man dieser Fragestellung weiter nachgehen, sieht man sich plötzlich Widerständen gegenüber, von denen man niemals annahm, dass es diese überhaupt geben könnte: Es sind u.a. die eigenen Wert- und Moralvorstellungen, anerzogene Verhaltensmuster und Unwissenheit, die Einflussnahme von verständnislosen Familienmitgliedern und Freunden sowie die Ignoranz gesellschaftlicher Überbauten (Behörden, Schulwesen, Politik). In einer materialistisch orientierten Gesellschaft werden die Individuen letztlich dazu genötigt, dem „Goldenen Kalb“ (mit) zu frönen, ansonsten drohen Ausgrenzung, existenzieller Abstieg oder auch Liebesentzug.

Wie kleingeistig derartige Behinderungen einer Selbstverwirklichung sind, soll abschließend an folgenden Fragestellungen verdeutlicht werden: Wenn Sie persönlich etwas erschaffen haben, was Sie für sich selber benötigen – wessen Eigentum ist das Geschaffene dann ? Würden Sie es einfach so zulassen, dass sich ein Fremder dieser von ihnen selber geschaffenen Sache unautorisiert bemächtigt ? Woher also könnten Sie im Gegenzug Ihre Vollmacht nehmen, über den Lebensweg anderer Menschen zu entscheiden, die nicht Ihre eigenen Geschöpfe sind, sondern sogar die der höchsten Quelle allen Seins, nämlich von Gott … ?

Denken Sie also bitte immer daran: Jede Selbstverwirklichung ist eine einzigartige Form der Verwirklichung höchster göttlicher Absichten, die transzendental von der Überseele auf unsere eigene Seele übertragen werden und über die wir uns immer dann bewusst werden, wenn es uns aus dem Innersten heraus drängt, eine Idee unbedingt realisieren oder einen besonderen Lebensweg neu gehen zu müssen. Jeder eigene und fremde Widerstand dagegen behindert den göttlichen Energiefluss in uns und um uns herum, was letztlich unsere individuelle und auch die gesellschaftliche Gesundheit zunehmend beeinträchtigt. Und nun schauen Sie bitte einmal selbst, wie es tatsächlich in Ihnen, in Ihrem näheren Umfeld und in der menschlichen Gesellschaft insgesamt um die Selbstverwirklichung im göttlichen Sinne bestellt ist …