Ärger – wie geht man damit um (21.12.2016)

Ein aktuelles Ereignis hat mich veranlasst, einmal über das Thema „Ärger“ zu schreiben. Was war geschehen ? Ich war beim Abschluss einer technischen Serviceleistung für einen gemeinsamen Kunden, wobei es zu recht merkwürdigen Mißverständnissen mit einem Mitarbeiter der Firma kam, die meine zwischenzeitlich angeforderten Leistungen benötigten, weil sie selber seit einigen Tagen mit ihrem Support nicht vorangekommen waren. Der betreffende Mitarbeiter also war über die Vorleistungen eines seiner Kollegen ganz offensichtlich nicht im Bilde und ich bat nun einen Freund, der seit wenigen Jahren für diese Firma im Vertrieb tätig ist und mich schon einmal wegen gleichartiger Serviceleistungen an den gemeinsamen Kunden vermittelt hat, um eine persönliche Unterstützung. Für mich völlig unerwartet und nicht mehr nachvollziehbar wurde von meinem Freund diese alleinige Bitte als Einmischung in die inneren Angelegenheiten seiner Firma gewertet …

Die Umstände und der Inhalt der Missverständnisse sind von ihm er erst gar nicht zur Kenntnis genommen worden, was bei mir den Eindruck erweckte, dass mein Freund von der absoluten Unfehlbarkeit seiner Firma, in der er erst wenige Jahre beschäftigt ist, völlig überzeugt ist. Diese Voreingenommenheit und die recht drastische Zurückweisung meines Anliegens sprachen sowohl für eine klare Wahrnehmungsstörung das tatsächlichen Sachverhaltes als auch dafür, dass sich hier Jemand gerade auf einer niedrigen Bewusstseinsstufe bewegte, nämlich in der Leidenschaft („Rajas“-Guna) und der Unbewusstheit („Tamas“-Guna) – ich hatte meinen Freund jedoch schon weitaus „fortgeschrittener“ erlebt …

Tatsächlich jedoch war das kein Einzelfall, denn gerade in den letzten Jahren kam es immer wieder einmal vor, dass andere „spirituell fortgeschrittene“ Freunde ähnliche „Aussetzer“ hatten, d.h. in Stress-Situationen größere Wahrnehmungsstörungen zeigten, die Geduld verloren und mental aggressiv reagierten. Daran könnte eine langjährige Freundschaft zugrunde gehen, aber „Blut ist nun einmal dicker als Wasser“ und wenn man sich in der (ayur-) vedischen Psychologie schon ein wenig auskennt, bewertet man diese Situationen völlig anders. In unserer Praxis begleiten wir überwiegend Menschen, die in einen Burnout geraten sind, und das sind insbesondere Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen (Ärzte und Schwestern), Schulwesen  (Pädagogen im Lehramt und in der Verwaltung) sowie Außendienst-Mitarbeiter in verschiedenen Branchen. Stress und Ärger gehören hier leider zum beruflichen Alltag, und dort nach einer Auszeit oder auch Behandlung wieder hineinzugeraten, sind für die betroffenen Horror-Vorstellungen – zumeist tragen sie sich bereits mit dem Gedanken an einen beruflichen Ausstieg …

Das alleine jedoch ist nicht gerade die Lösung erster Wahl, es ist eher eine Flucht vor gewissen Lebenssituationen, anstatt diese zu verstehen und mit ihnen künftig ganz bewusst umgehen zu lernen. Wie also kommt es dazu, dass man in solche Situationen überhaupt hineingelangt ? Dazu müssen wir uns erst einmal darüber im Klaren werden, wer wir selber wirklich sind und was wir hier (auf der Erde oder in unserem Leben) wirklich tun:

Zunächst folgende Frage: Wenn Sie im Auto sitzen und damit durch die Gegend fahren, empfinden Sie sich selber schon als dieses Auto ? Oder sind Sie sich immer noch darüber bewusst, dass Sie selber der Fahrer, Halter und eventuell sogar Erbauer dieses Autos sind, das Auto selber jedoch nicht ? Soweit Sie diese Dinge noch völlig auseinander halten können, soweit bieten Sie noch die Voraussetzung für die nächste Erkenntnis, nämlich dass Sie selber auch nicht Ihr Körper und auch nicht die Energien sind, die Ihren Körper durchfluten ! Körper, Geist und Seele – letztere nämlich sind Sie selber – bilden eine Trinität, die nur in einer materiellen Welt besteht, nicht jedoch in einer rein geistigen (spirituellen). Ihre Seele ist rein spiritueller Natur, Ihr Geist jedoch von materiell-feinstofflicher und Ihr Körper von materiell-grobstofflicher Natur …

Wir alle wissen aus unendlich vielen Lebenserfahrungen, dass sich materielle Dinge niemals von sich aus verändern oder bewegen: Beispielsweise wird das Auto von uns selber bewegt, wenn wir es denn wollen, oder überhaupt erst einmal entwickelt und gebaut, so wie wir es wollen – nur der Geist bewegt die Materie, und der Geist wird von unserer Intelligenz und unserem Ego (unserem Selbstverständnis) gesteuert und kontrolliert. Alle diesbezüglichen Informationen, d.h. das, was war, was ist und was sein wird, sind in unserer Seele gebunden, in unserem rein spirituellen Kristall, der wir selber sind – wir sind jedoch nicht das uns in diesem Leben begleitende Ego, nicht die gegenwärtige Intelligenz, nicht die Energien, die unseren Körper bewegen, und insbesondere nicht dieser schwere Körper selber – vergessen Sie das bitte nicht … !

So lange wir allerdings über einen (materiellen) Körper verfügen, mit dem wir hier durch das irdische (oder andere) Leben gehen, so lange sind wir auch an materielle Bedingungen gebunden – wir sind sozusagen noch materiell unfreie und daher „bedingte Seelen“. Bei spirituell bereits etwas fortgeschrittenen Menschen, sehr oberflächlich auch mal als „Esoteriker“ bezeichnet“, ist die Trinität von Körper, Geist und Seele bereits bekannt, aber sie wird nicht bewusst gelebt, d.h. sie lehnen beispielsweise das Arbeiten (genauer gesagt eine „Erwerbstätigkeit“) ab, weil sie mit Materie nichts mehr zu tun haben wollen. Das führt in unserer Gesellschaft aber dazu, dass sie wirtschaftlich auf der Strecke bleiben und über „zu wenig Geld“ für den eigenen Lebenserhalt jammern – ein nicht gerade intelligentes Verhalten …

Diejenigen aber, die für ihren Lebensunterhalt mit bestimmten Zielsetzungen und mit Engagement intensiv sorgen, sind in Wirklichkeit noch schlimmer dran, denn sie merken nicht, wie sie bei der ständigen Auseinandersetzung mit materiellen Erscheinungsformen (Dinge, Vorgänge usw.) einen Kampf um’s (materielle) Dasein führen, den sie niemals gewinnen können. Wie ist das zu verstehen ? Diese Menschen, zu denen leider auch welche gehören, die ihre mühsam erworbenen spirituellen Erkenntnisse zu Gunsten eines besseren materiellen Lebensstandards in die hinterste Schublade gelegt haben, verstricken sich in all ihre Entscheidungen und Handlungen derart, dass sie nur noch darum bemüht sind, die Kontrolle über ihre materialistischen Konstrukte nicht mehr zu verlieren. Genau das führt zu übermäßigen geistigen und körperlichen Energieverlusten, zu Stress und zu Ärger. Mehr noch: Die Konzentration auf materielle Dinge und Prozesse, um diese noch im Griff behalten zu können, führt zur Abweisung sowohl tangierender als erst recht auch breit übergreifender Vorgänge, d.h. zum Verlust des allgemeinen Überblicks, zu Wahrnehmungsstörungen, zu Fehlinterpretationen und verfehlten Handlungen …

Jeder Mensch reagiert zwar anders, weil er über andere fein- und grobstoffliche körperliche Voraussetzungen („Doshas“ = Konstitutionen) und einen unterschiedlichen geistig-spirituellen Erkenntnisstand („Gunas“) verfügt, aber das Grundprinzip ist letztlich das Gleiche: Unbewusstheit („Tamas“) und Leidenschaft („Rajas“) führen sowohl den Protagonisten selber als auch allen Mitbeteiligten unnötiges und damit auch vermeidbares Leid zu. Und wie sind nun die eingangs geschilderten Fälle aus (ayur-) vedischer Sicht zu bewerten … ?

Mein Freund hatte vor einigen Jahren seine langjährige Selbständigkeit aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben und sich sehr engagiert und auch erfolgreich im Vertrieb eines größeres Unternehmens eingebracht. Seit dem allerdings beobachtete ich bei ihm eine schleichende Wesensveränderung – er war härter, kritikvoller, unnachgiebiger usw. mit einer gewissen Latenz zur Rücksichtslosigkeit geworden, kann oder will das jedoch nicht erkennen. Er ist ein sehr sportlicher Tridosha-Typ mit schätzungsweise 40 % Pitta-, 30 % Vata- und 30 % Kapha-Anteil. Wenn sich Pitta-Konstitutionen in Leidenschaft („Rajas“) und Unbewusstheit („Tamas“) befinden, reagieren sie in unliebsamen Situationen genau so, wie ich es beschrieben habe. Das übermäßige engagierte Einbringen in materialistische Tätigkeiten geht immer zu Lasten des eigenen spirituellen Fortschritts, was sich in einer negativen Wesensveränderung widerspiegelt. Wenngleich ich das genau so immer wieder bei verschiedenen Menschen beobachtet habe, ist das bereits in den uralten (ayur-) vedischen Überlieferungen auch genau so beschrieben worden, also ein altbekanntes Phänomen in der menschlichen Entwicklung …

Das Selbst hat es immer am schwersten, sich von selbst zu erkennen, und daher sind hierfür Freunde die geeignetsten „Sparringpartner“. Man kann an deren Reaktionen erkennen, wo man selber gerade steht, ob nun über das gesprochene Wort oder über das künftige Verhalten. Ist also Ärger wirklich begründet oder nur eigenes Kopfkino ? Nein – eine ärgerliche Situation kann recht gut dazu beitragen, den geistig-spirituellen Entwicklungsstand aller Beteiligten besser zu erkennen und weiterzuentwickeln – so sie es dann auch wirklich wollen. Und was ist mit mir selbst ? Ich muss leider zugeben, dass auch ich manchmal noch in niedrigere Verhaltensweisen abrutsche – wir sind alle nur Menschen …

Nachtrag: Zum obigen Thema habe ich noch eine besondere Seite vorbereitet, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen unserem Bewusstseinsstand („Gunas“) und unseren Konstitutionen („Doshas“) befasst. Das könnte für uns selber sowie auch für den Umgang mit unserer Familie, unseren Freunden, unseren Kollegen oder Geschäftspartnern sehr aufschlussreich sein – mehr dazu also hier …